Rotundblau - Der Tod von Vincenzo Spagnolo

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Rotundblau

Tweets von @AlexBelinger
Juli 31 '12

Der Tod von Vincenzo Spagnolo

31.07.2012

Eine Geschichte aus dem Buch Cani Sciolti - Streunende Köter, von Domenico Mungo. Das Buch wurde übersetzt von Kai Tippmann.

Und so kam es also zum 29. Januar 1995, und ich war dabei…

Es schien zunächst ein normales Genoa - Milan. Ich war seit Ende der 80er Jahre jedes Mal nach Genua gefahren und muss sagen, dass das immer eine der gefährlichsten Auswärtsfahrten war. Wenn du am Bahnhof Genua Brignole ankommst, musst du eine lange Allee den Fluss entlang laufen. Der Bisagno. Auf einem Ufer bist du, und am anderen deine Gegner… die dich auf Sichtweite verfolgen… und an jeder Brücke ein Angriffsversuch, eine Attacke, ein Steinhagel. In manchen Jahren kam es in Genua auf diesen Brücken zum echten Mann gegen Mann.

Zurück zu uns, alles lief so weit glatt ab, da war nur diese bei solchen heißen Spielen wie diesem übliche Anspannung. Wir kommen im von der Fossa und der Brigate organisierten Sonderzug am Bahnhof an, im Block bis zum Stadion, und keine besonderen Kämpfe. Wir gehen ungestört rein. Was wir nicht wussten war, was draußen gerade abging. Eine Gruppe Milan-Fans hatte einen normalen Linienzug genommen, um den Kontrollen der Ordnungskräfte zu entgehen, und hatte sich unter der Nordkurve gezeigt und die Genoani herausgefordert. Die Auseinandersetzung war unausweichlich, und die Rechnung bezahlte Vicenzo Spagnolo. Einer aus dem Umfeld der linken, ‘Centri Sociali’ in Genua, in der Nordkurve der rot-blauen Ultras bekannt unter dem Namen SPAGNA. Getroffen durch einen Messerstich in die Brust, ausgeführt von B., einem Jugendlichen, der diese Waffe vermutlich noch nie in seinem Leben benutzt hatte… Sein Wunsch, sich vor seinen Freunden als ganz ‘groß’ darzustellen hatte ihn dazu gebracht, den größten Scheißdreck seines Lebens zu veranstalten. Ein Schwachsinn, der einen anderen Jungen das Leben kosten sollte. Das Spiel hatte bereits begonnen und langsam verbreitete sich die Nachricht von Spagnas Tod im Stadion. Die Ultras aus der Nordkurve versuchten auf jede erdenkliche Art, einen Spielabbruch herbeizuführen. Indem sie Gegenstände aufs Spielfeld warfen, Hydranten aufdrehten, Genoa-Spieler heranriefen, um ihnen zu erklären was passiert war. Das Spiel wurde dann auch tatsächlich unterbrochen, und es folgten lange Stunden des Wartens. Die Genoa-Fans verließen also das Stadion, und als erste Reaktion entladen sie ihre gesamte Gewalt gegen Polizei und einige Autos mit Mailänder Kennzeichen. Der größte Teil von uns Milanisti in Genua findet sich im Auswärtsblock, im berühmten ‘Käfig’, und von dort lässt uns die Polizei nicht raus, um zu verhindern, dass die Grifoni uns lynchen. Es ist früher Nachmittag… 15.30 Uhr. Das Erste, was mir in den Sinn kommt, ist, zu Hause anzurufen, meinen Brüdern zu sagen, dass es mir gut geht. Ich kann mir ihre Sorge gut vorstellen, als sie die Nachrichten im Fernsehen mitbekamen… Aber wir schreiben 1995, Handys sind noch kaum verbreitet, fast niemand hat eins. Von den Leuten, die es geschafft hatten, zu Hause anzurufen, erfahren wir, dass die Polizei uns im Käfig halten und alle fotografieren will, weil sie denken, der Mörder sei immer noch da drin unter uns.

Die Stunden vergehen und immer noch nichts… Das Stadion ist komplett leer, auf dem Platz Beamte der DIGOS, die Fotoapparate und Videokameras auf uns richten… Auf einmal ordnet ein Polizeibeamter an, in Gruppen hinter die Kurve zu kommen… Uns allen wird der Personalausweis abgenommen. Ich beginne, mir Sorgen zu machen. Ich weiß, wie so was abläuft, oft genug werden Leute da mit reingezogen, die überhaupt nichts mit der Sache zu tun haben, und außerdem ist es niemals besonders erfreulich, auf einer schwarzen Liste der Polizei zu landen. Das ist ein bisschen so, als wenn du irgendein kleines Ding gedreht hast und dann weißt, dass dein Foto ein Leben lang in einem Album von Verdächtigen stecken wird, und ein Leben lang wird dein Foto Leuten gezeigt, die dann gefragt werden: ‘Ist er das?’ ‘War er der Täter?’ Und viele Vollidiot/Innen werden antworten: ‘Ja, selbstverständlich, genau der ist es!’ Auch wenn sie sich überhaupt nicht sicher sind. Na gut, jedenfalls erwarte ich mir irgend so etwas, schließlich war ein Mensch gestorben. Aus dem Käfig heraus hörten wir immer lauter die Sprechchöre der Genoa-Fans, die uns an den Kragen wollten. An einem Punkt schaffen es die Grifoni, das Tor zur Südkurve zu überwinden…Es sind nicht viele, vielleicht um die 30, aber durchaus furchteinflößend… Alle haben die Kapuzen übergezogen und tragen schwere Stangen mit sich. Sie kommen direkt auf uns zu, zwischen ihnen und uns nur eine Glasabtrennung, die zum Glück hält, sonst wäre eine Auseinandersetzung unvermeidlich gewesen.

Weitere Zeit vergeht. Wieder dank der paar Handyanrufe erfahren wir, dass die Polizei einen Typen im Barbour (der in jenen Jahren moderne Parka) sucht und dass sie ihn unter uns suchen. Scheinbar haben sich Spagnolos Freunde an dieses Detail erinnert und die Polizei filmt uns deshalb alle, um so den Mörder ausfindig zu machen.

Rat mal, was für eine Jacke ich an den Tag anhatte? Einen Barbour natürlich… Ich weiß nicht mehr, wohin ich schauen soll… Ich halte es nicht mehr aus… Es ist mittlerweile Abend… Auf einmal erblicke ich, während mein Blick über die Ränge wandert, einen Gegenstand aus Metall… Es ist das blutige Messer, das Spagnolo ermordet hatte… Es liegt einfach da, auf den Stufen des Stadions… Ein Jugendlicher, ich erinnere mich nichtmal an sein Gesicht, versteckt es mit einem Fuß hinter einem Steinblock. Es ist dunkel… Es ist fast zehn Uhr abends… Die Polizei ruft uns immer noch heraus. Stück für Stück bekommen wir unsere Papiere zurück. Natürlich wird das noch eine Weile dauern, wir sind ja nicht gerade wenige. Es ist elf Uhr abends… Die Polizei teilt uns mit, dass wir rauskönnten und dass sie uns zwar nach Mailand begleiten würden, aber nicht im Zug, sondern in einem Genueser Linienbus.

Die Genoani hatten den Bahnhof Brignole besetzt umstellt und die Bahnsteige besetzt. Wir könnten nicht mit dem Zug zurückfahren, und die Zeit würde nicht reichen, Touristenbusse für tausend Personen zu organisieren.

Wir beginnen den Sektor zu verlassen. Die Polizei lässt uns in Zweiergruppen durch, hält uns an, und während uns eine Taschenlampe ins Gesicht gehalten wird, erkenne ich in der Nähe der Beamten der DIGOS ein paar Jungs, die ich für Spagnolos Freunde halte. Sie sind dort, um den Mörder zu benennen… Aber der Mörder, auch wenn ich es nicht war, hatte einen Barbour an, und natürlich gefror mir in dem Moment das Blut in den Adern… Ich sehe mich schon, wie ich die Nacht mit den anderen Verdächtigen in einer Zelle in Genua verbringe. Es vergehen ein paar Sekunden, ich stehe da, Spagnolos Freunde schauen mich an, und dann endlich ein Befehl…

Mir fällt ein Stein vom Herzen, ich verlasse das Marassi-Stadion und finde mich zwischen den beiden Zangen einer schreienden Menge wieder. Spucken, Beleidigungen, geworfene Gegenstände, ich kann ihre Wut gut nachvollziehen… Wir steigen in den Bus, die es in Schrittgeschwindigkeit vorwärts, mit den Streifenwagen und Jeeps der Polizei, die sich mit Mühe einen Weg bahnen. Die Fahrt dauert äußerst lange… Stell dir Linienbusse vor, die 150 Kilometer Autobahn bei Tempo 50 machen müssen. Wir kommen in Mailand irgendwann gegen vier Uhr morgens an…Wir sehen die Mautstation von Assango. Aber das ist noch nicht das Ende… Noch eine schöne Überraschung. Dutzende Transporter der Polizei, die hinter den Schranken auf uns warten. Sie halten die Busse nochmals an… Unsere Personalien werden erneut aufgenommen… Wir müssen uns in Gruppen von drei, vier Personen fotografieren lassen. Nachdem auch das vorbei war, können wir unsere Reise fortsetzen.

Ich erinnere mich, dass sie uns am Bahnhof Centrale rausgelassen haben und dass wir den an der Polizeiwache vorbei mussten. Vincenzo Spagnolos Mörder wird im Morgengrauen festgenommen. Die Polizei hatte ihn dabei gesehen, als er im Auswärtsblock seinen Barbour mit einem anderen Typen tauschte, um nicht erwischt zu werden. Mit dem Fahndungsfoto und seinem Personalausweis sind sie dann auf ihn gekommen.

So endet der schwärzeste Tag, die ich in 20 Jahren in der Fossa dei Leoni erleben musste. Manche Jungs und Mädchen haben die Gruppe nach der Sache verlassen, sie konnten so nicht mehr weitermachen. Andere, wie ich, sind weiter ins Stadion gegangen in der Hoffnung, dass die Tat von Einzelnen nicht 30 Jahre Geschichte einer Kurve wie unsere auslöschen könne. 30 Jahre auch der Freundschaft und Solidarität, der Emotionen und der Freude.

Zur Buchrezension von altravita.com: http://www.altravita.com/domenico-mungo-cani-sciolti.php#

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http://www.amazon.de/Streunende-K%C3%B6ter-Cani-Sciolti-Freundschaften/dp/3940159093

Tags: Cani Scioltil Ultras Vincenzo Spagnolo rotundblau

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